Die Entstehung des Münzporträts in der griechisch-persischen Tradition

Müseler, Wilhelm. 2020. Vom Symbol zum Ebenbild: Die Entstehung des Münzporträts in der griechisch-persischen Tradition. Gephyra 19, 69-99.

Die Darstellung von Menschen mit deutlich wiedererkennbaren individuellen Zügen auf Mün-zen entwickelte sich im Grenzbereich zwischen dem griechischen und dem persischen Kultur-raum als Folge von komplexer gewordenen politischen Machtstrukturen vor Ort. Wo zu-nächst das Symbol einer politischen Körperschaft oder die Abbildung einer lediglich mit den Attributen königlicher Herrschaft ausgestatteten Figur ohne irgendwelche weiteren persönli-chen Merkmale genügt hatte, um die Garantie für die Wertigkeit des Geldes durch eine über-geordnete Autorität zu unterstreichen, machte die zunehmende Produktion von Münzen durch Akteure auf untergeordneten hierarchischen Ebenen, welche als Vermittler, bisweilen aber auch als Konkurrenten einer gegebenen Herrschaftsstruktur auftreten konnten, eine im-mer differenziertere Kennzeichnung der Verantwortlichkeit für die Prägungen und des damit ausgedrückten Machtanspruches notwendig. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Lykien mit seiner eher peripheren Lage und seiner Vielzahl an kleinen, von konkurrierenden dynastischen Clans kontrollierten Machtzentren auf engstem Raum, die ersten echten Ansätze zu einer indi-viduellen Gestaltung des Herrscherbildnisses auf Münzen hervorgebracht hat. Mit der Auflö-sung der überkommenen politischen Strukturen in Kleinasien und im ganzen Vorderen Orient in der Folge des Feldzuges Alexanders des Grossen kam es zu weiträumigen geopolitischen Veränderungen und einer erheblichen Zunahme von regionalen Machtblöcken, die alle über eine eigene Münzproduktion verfügten und die sich ihre Einflussbereiche gegenseitig streitig machten. Da es in der Folge vor allem darum ging, dass die verschiedenen Prägeherren mit ihrem Geld auch von schriftunkundigen Nutzern klar voneinander unterschieden werden konnten, führte dies, namentlich bei den ptolemaischen und den seleukidischen Geprägen, zu einer verstärkten Individualisierung der Herrscherbildnisse auf den Münzen. Nur in abgelege-nen Regionen wie der Persis, wo es so gut wie keinen stetigen Zustrom und Umlauf von kon-kurrierenden Währungen gab, erfüllten nur symbolische Porträts der Regenten noch eine Zeit lang ihren ursprünglichen Zweck.